DIAGNOSTIK
Wie moderne Herz-Kreislauf-Vorsorge funktioniert
Ein gesundes menschliches Herz schlägt rund 100.000 Mal am Tag, meist völlig unbeachtet. Es verrichtet Höchstleistungen, ohne besondere Aufmerksamkeit einzufordern. Umso wichtiger ist regelmäßige Herz-Kreislauf-Vorsorge, denn viele Veränderungen entwickeln sich über Jahre – lange bevor sie tatsächlich Beschwerden verursachen. Gute Medizin bedeutet auch hier, vorauszudenken statt zu reparieren.
Unser Herz denkt oft Jahre voraus. Während wir uns noch gesund fühlen, beginnen viele Veränderungen im Herz-Kreislauf-System bereits im Verborgenen. Deshalb hat Herz-Kreislauf-Vorsorge viel mit Weitblick zu tun. Moderne kardiologische Vorsorge kann Risiken sichtbar machen, Gefäßveränderungen früh erkennen und wertvolle Hinweise für ein gesundes Altern liefern. Wer also seinem Herzen zuhört, bevor es laut werden muss, hat die besten Chancen, lange gesund zu bleiben. Im Gespräch erklären Peter Gartner, Chefarzt im Park Igls Medical Spa Resort, und der Internist und Kardiologe Norbert Schauer, welche Untersuchungen tatsächlich aussagekräftig sind und weshalb zeitgemäße Herzgesundheit den gesamten Menschen im Blick hat.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich immer noch Todesursache Nummer eins – umso wichtiger ist eine wirksame Vorsorge vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Trotzdem hat man oft das Gefühl, dass Herzgesundheit erst dann Thema wird, wenn bereits Beschwerden da sind.
Peter Gartner: Das ist leider ein Grundmuster in der Medizin – viele Menschen gehen erst zum Arzt, wenn etwas weh tut oder nicht mehr funktioniert. Wir haben im Park Igls das große Glück, dass viele Gäste bewusst kommen, um sich durchchecken zu lassen. Im medizinischen Alltag erleben wir aber häufig, dass Menschen erst reagieren, wenn der sprichwörtliche Hut brennt. Dabei zeigt gerade das, wie wichtig echte Herz-Kreislauf-Vorsorge und ein regelmäßiger Herz-Kreislauf-Check ist.
Norbert Schauer: Dabei gibt es heute sehr gute Möglichkeiten, Risiken sichtbar zu machen, lange bevor Symptome auftreten. Ein wichtiges Instrument dafür ist die Prospective-Cardiovascular-Münster-Studie, eine der größten deutschen Langzeitstudien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Score berechnet das persönliche Herz-Kreislauf-Risiko für die kommenden zehn Jahre; also wie wahrscheinlich es ist, in diesem Zeitraum ein akutes kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden. Die zwei stärksten und leider unbeeinflussbaren Faktoren sind das Alter und das Geschlecht. Dazu kommen Faktoren wie Blutdruck, Blutzucker, Rauchen und weitere Parameter. Das Spannende daran: Anhand dieses Scores lässt sich sehr eindrücklich zeigen, wie stark sich das Risiko durch gezielte Maßnahmen verändert. Senkt jemand beispielsweise seinen Blutdruck, wird dieser Effekt unmittelbar sichtbar. Für viele Menschen ist das ein Schlüsselmoment; plötzlich wird klar, dass Prävention keine abstrakte Idee ist, sondern messbare Auswirkungen hat.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten oft als »Männerthema«. Ist das berechtigt?
Norbert Schauer: Männer haben statistisch tatsächlich ein höheres Risiko und erkranken im Durchschnitt früher. Das zeigt sich auch in den Risikomodellen. Gleichzeitig birgt genau diese Sichtweise eine andere Gefahr: Frauen unterschätzen ihr eigenes Risiko häufig.
Peter Gartner: Bei Frauen spielt die hormonelle Situation eine zentrale Rolle. Vor den Wechseljahren hat das weibliche Östrogen eine kardiovaskuläre Schutzfunktion, indem es die Gefäße elastisch hält, den Blutdruck senkt und die Blutfette günstig beeinflusst. Nach der Menopause gleicht sich das Risiko jedoch allmählich an jenes der Männer an. Dann wird Herzgesundheit definitiv auch zu einem Frauenthema.
Herzgesundheit beginnt vor den Symptomen
Der Blick ins Innere der Gefäße
Norbert Schauer: Das Schwierige ist, dass die wichtigsten Risikofaktoren oft lange stumm bleiben. Bluthochdruck, beginnende Gefäßveränderungen oder Stoffwechselstörungen verursachen zunächst meist keine Beschwerden. Klassische Warnsignale wie Brustschmerzen, Atemnot oder Druckgefühl in der Brust sollten natürlich auf jeden Fall ernst genommen werden. Treten solche Symptome auf, besteht allerdings häufig bereits ein fortgeschrittenes Problem. Die eigentliche Herausforderung in der Kardiologie ist deshalb, Veränderungen schon zu erkennen, bevor sie Beschwerden machen. Besonders hilfreich ist dabei der Halsschlagader-Ultraschall, also die Untersuchung der Halsschlagader, der Arteria carotis, mittels Carotis-Ultraschall.
Norbert Schauer: Weil sie uns einen außergewöhnlich guten Einblick in die Gefäßgesundheit ermöglicht. Die Halsschlagader liegt direkt unter der Haut und lässt sich im Rahmen einer Carotis-Duplexsonographie, einer besonders präzisen Form des Gefäßultraschalls, sehr genau untersuchen.Dabei können wir bereits früh Veränderungen der Gefäßinnenwand erkennen. Vereinfacht gesagt: Wenn die Gefäßwände an der Halsschlagader Veränderungen zeigen, ist das häufig ein Hinweis darauf, dass ähnliche Prozesse auch in anderen Arterien stattfinden.
Peter Gartner: Deshalb gehört die Carotis-Sonografie bei uns im Haus zu den häufigsten Herz-Vorsorgeuntersuchungen. Sie ist schmerz- und nebenwirkungsfrei, nicht invasiv, aber gleichzeitig sehr aussagekräftig.
Peter Gartner: Ja, durchaus. Neben dem Herzultraschall ist ein klassisches Beispiel die Belastungsuntersuchung am Fahrradergometer. Dabei beobachten wir, wie das Herz auf zunehmende Belastung reagiert. Das liefert wertvolle Informationen über Leistungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems.
Norbert Schauer: Entscheidend ist immer die Kombination verschiedener Untersuchungen. Der Herzultraschall zeigt Struktur und Pumpleistung des Herzens sowie die Funktion der Herzklappen, das Belastungs-EKG liefert Informationen über die elektrische Aktivität unter Anstrengung, und die klinische Untersuchung ergänzt das Gesamtbild. Wir sehen zwar nicht jede einzelne Herzkranzarterie direkt, aber die Summe dieser Befunde erlaubt eine sehr zuverlässige Einschätzung des individuellen Risikos.
Peter Gartner: Zum Glück ja. Ein gutes Beispiel ist das Rauchen. Studien zeigen, dass das Herz-Kreislauf-Risiko nach fünf Jahren Rauchfreiheit wieder ähnlich hoch bzw. niedrig ist wie bei NichtraucherInnen. Es ist also niemals zu spät, positive Veränderungen umzusetzen. Ein weiteres Beispiel ist Bluthochdruck. Viele Betroffene fühlen sich mit leicht erhöhten Werten ausgesprochen leistungsfähig, gleichzeitig muss das Herz permanent gegen einen erhöhten Widerstand arbeiten. Mit der Zeit verdickt sich deshalb der Herzmuskel, und irgendwann stößt dieses System an seine Grenzen.
Norbert Schauer: Ähnliche Prozesse sehen wir auch in den Gefäßen. Dauerhaft erhöhter Druck belastet die Gefäßwände und fördert strukturelle Veränderungen. Genau deshalb ist die frühzeitige Behandlung von Bluthochdruck so wichtig – wobei es gerade hier einen differenzierten Blick braucht. Blutdruck ist etwas sehr Dynamisches. Er verändert sich innerhalb von Sekunden, abhängig von Bewegung, Stress, Emotionen oder Anspannung. Viele Menschen kennen das sogenannte Weißkittel-Syndrom: Allein die Situation einer Untersuchung führt dazu, dass der Blutdruck ansteigt. Manchmal genügt es bereits, einige Minuten ruhig zu sitzen und bewusst zu atmen. Der Blutdruck reagiert erstaunlich schnell auf Entspannung, deshalb betrachten wir nie nur einen punktuellen Messwert.
Peter Gartner: Wenn wir einen genaueren Eindruck gewinnen möchten, setzen wir moderne 24-Stunden-Messungen ein. Damit sehen wir nicht nur die Tageswerte, sondern auch, ob der Blutdruck nachts ausreichend absinkt. Gerade die nächtlichen Werte liefern interessante Hinweise.
Im Park Igls spielt die Darmgesundheit eine zentrale Rolle
Gibt es auch Zusammenhänge zwischen Darm und Herz?
Peter Gartner: Wir wissen heute, dass die verschiedenen Systeme unseres Körpers viel enger miteinander verbunden sind, als lange angenommen wurde. Die Darm-Hirn-Achse zum Beispiel gilt bereits als großteils entschlüsselt. Zahlreiche Forschungen beschäftigen sich mittlerweile intensiv mit dem Mikrobiom, der Gemeinschaft der Darmbakterien, und mit dessen Einfluss auf andere Organe wie die Haut oder die Nieren. Erste Studien deuten nun darauf hin, dass Stoffwechselprodukte bestimmter Darmbakterien auch Herz und Gefäße beeinflussen können. Viele Fragen sind derzeit noch offen, die Ergebnisse sind jedoch ausgesprochen spannend. Was sich auf jeden Fall sagen lässt: Ein gesunder Lebensstil wirkt nie nur auf ein einzelnes Organ. Der Gedanke der Ganzheitsmedizin erhält dadurch zunehmend wissenschaftliche Unterstützung und ist ein weiterer Baustein zeitgemäßer Herzvorsorge.
DR. MED. NORBERT SCHAUER
… ist erfahrener Internist und Kardiologe mit einer Praxis in Innsbruck. Seine Ausbildung hat er an der Universitätsklinik in Innsbruck begonnen, bevor er an einem großen Herzzentrum in Wels tätig war. Wieder in Innsbruck kehrte er an die Klink zurück und machte sich schließlich selbständig. Sein Fokus liegt auf der Prävention. Schauer ist seit über 25 Jahren Konsiliararzt im Park Igls.